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Kunstbibliothek
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«Buchgestaltung in St.Gallen»

Frühjahr 2007 – ein Ausstellungskatalog entsteht im Sitterwerk

Anlässlich des St.Galler Gastauftritts an der Internationalen Messe für Buch und Presse in Genf 2008 wurde der international bekannte St.Galler Büchermacher Jost Hochuli vom Kanton damit beauftragt, eine Ausstellung zum Thema Buchgestaltung zusammenzustellen. Die Ausstellung wurde begleitet von einer Publikation, die der Zürcher Kunsthistoriker Roland Früh verfasst hat. Für die Konzeption und Ausarbeitung der Katalogtexte verbrachte Roland Früh mehrere Wochen in der Kunstbibliothek im Sitterwerk und wohnte während dieser Zeit im Gästezimmer der Bibliothek.

Es gibt jenen Satz von Jose Luis Borges, den ich gerne  für mich beanspruche: «Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.» In der Ewigkeit des Paradieses in Filzpantoffeln an Bücherkästen voll mit alten Drucken vor beizuschlurfen oder in einem klimatisierten Kellerraum vor sauber beschrifteten Drehregalen zu stehen, wäre aber auf die Dauer zu wenig interessant. Eine lebendige Sammlung von Büchern wie die Kunstbibliothek im Sitterwerk hingegen wäre im Paradies äusserst wünschenswert. Eine wilde Anhäufung von mehreren tausend Büchern zu Kunst und Architektur ist in diesem Raum versammelt. Zum Glück ist es erlaubt, alle Bücher anzuschauen, in den Regalen zu stöbern und sich von Daniel Rohners Ordnung überraschen zu lassen. Nicht in jedem Fall mag diese «dynamische Ordnung» ein Vorteil sein, doch es ist immens spannend, das Ordnungssystem der Bibliothek grundlegend zu hinterfragen und sich über neue, innovative Möglichkeiten einer Kategorisierung Gedanken zu machen. Jede und jeder, der mehr als nur ein Buch besitzt, muss sich entscheiden, wie diese ins Regal gestellt werden – in der Sammlung von Daniel Rohner und Felix Lehner sind es ein bisschen mehr Bücher, somit das Problem dementsprechend komplexer – und der Gewinn aus der Entscheidung, die Bücher nicht stur nach Alphabet aufzureihen, ist selbst bei einem kurzen Besuch offen sichtlich. Die Bibliothek wird zum inspirierenden Ort, wo einem neue Ideen leicht zufallen, und hat nichts mehr mit einem verstaubten Archiv oder Bücherlager gemein. Zu meinem Glück durfte ich im Herbst 2007 während drei Wochen in dieser Bibliothek wohnen. Tagsüber konnte ich arbeiten, lesen und schreiben, nachts im Gästezimmer im hinteren Bereich der Bibliothek schlafen. Ich bin jeweils der letzte, der das Licht ausmacht. Immer wieder bin ich aber auch ein Teil der Belegschaft der Stiftung Sitterwerk und der Kunstgiesserei und komme in den Genuss des guten Kaffees und ausgiebigen Mittagessens in der familiären Runde am grossen Tisch. Während dieser drei Wochen durfte ich zudem der bestehenden Sammlung in einem Handapparat vielleicht vierzig Bücher zur Seite stellen und so ein weiteres, wesentlich kleineres Universum anfügen. Meine Bücher waren allesamt solche aus der Stadt St.Gallen, die mir halfen, an jenem Text zu arbeiten, der die Geschichte der Buchgestaltung in der Stadt St.Gallen, der Grafikerinnen und Grafiker, Verlage und Druckereien beschreiben würde. Und seit diesem Frühjahr gibt es auch diesen Text, dieses kleine Universum in Buch­ form, mit dem Titel «Buchgestaltung in St.Gallen», erschienen bei der VGS. Ein Exemplar steht auch in der Sammlung der Kunstbibliothek Daniel Rohners – und der Gedanke gefällt mir ausserordentlich, dass sich das Buch an jenem Ort befindet, wo es geschrieben wurde, dass es sich da einreiht – viel­ leicht für eine Weile bei den St.Galler Büchern steht, sich dann aber ein paar Wochen bei den Büchern über grafische Gestaltung aufhält, und so zu einem Bestandteil dieser dynamischen Ordnung wird. Roland Früh