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Werkstoffarchiv
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«Der Xantener Knabe: Original oder
römische Kopie? – Ein technologischer Exkurs»

Referat von Uwe Peltz, Restaurator an der Antikensammlung Berlin

19. Oktober 2009 , 19.30 bis 22.00

Uwe Peltz arbeitet zurzeit an einem Forschungsprojekt zum sogenannten Xantener oder Lüttinger Knaben – einer antiken Bronzestatue eines nackten Jünglings, welche 1858 bei Xanten von Fischern gefunden worden war. Über weitere Stationen konnte der über 1,5 Meter grosse Knabe von den Berliner königlichen Museen erworben werden. Nach einigen restauratorischen Massnahmen wurde die Grossbronze im Alten Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 

Die anfängliche Deutung als Wagenlenker oder Buchstütze wurde früh als unglücklich erkannt und die zutreffende als Tablettträger setzte sich bald durch. Die Funktion als «Stummer Diener» erklärt sich aus der Haltung des linken Armes. Die Deutung gilt als gesichert, auch wenn der rechte Unterarm, die Augen und Teile der Kopfbinde fehlen.

Während der Restaurierung in den Jahren 2006 bis 2008 halfen naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden auch die technologischen Hinweise zu erfassen. Diese Berliner Tradition ermöglichte es, dass der Werkprozess der antiken Giesserei nahezu bis ins Detail nachvollzogen werden kann.

Allerdings beeindruckte weniger die Vollständigkeit der Dokumentation als vielmehr die sich hieraus ergebenen Diskussion zwischen Technologieforschern und Archäologen: Kann die Herstellungstechnik Rückschlüsse auf die Werkstatt und ihre zeitliche Stellung geben? Haben wir heute ausreichend Kenntnisse über die Arbeitsabläufe bei der Fertigung von Grossbronzen, um zwischen späthellenistischen frühkaiserzeitlichen Bildwerken unterscheiden zu können? Ist der «Xantener Knabe» weniger eine römische Kopie nach einem späthellenistischen Vorbild als vielmehr ein Guss dieser Zeit? Grundsätzlich lässt die ausserordentlich qualitätvoll gefertigte Grossbronze Rückschlüsse auf die Abläufe in der  Werkstatt zu.

An diesem Forschungsprojekt zur antiken Grossbronze des Xantener Knaben ist auch Felix Lehner beteiligt: in der Kunstgiesserei St.Gallen AG wird im Rahmen eines archäologischen Experiments eine antike Schweisstechnik rekonstruiert. Frühere Versuche haben bereits gezeigt, dass eine echte Schweissverbindung – d.h.  ein im Schnitt vollständig homogener Übergang zwischen Schweissgut und den zusammengefügten Teilen – realisiert werden kann, indem eine gefügte Verbindung solange durch einen Gusskanal mit Bronze gespült wird, bis sich das umliegende Metall soweit erhitzt, dass es sich mit dem Giessemetall verbinden kann. Für eine Publikation über den aktuellen Stand der Forschung  zum Xantener Knaben werden diese experimentellen Erkenntnisse in weiteren Versuchen sogenannter Tigelschweissungen erhärtet und vertieft.

Literatur von Uwe Peltz in der Kunstbibliothek